Geleitwort AG Technikverantwortung

Portrait von Gerald Funke

Brigadegeneral Dipl.-Ing. Gerald Funke

Bundesministerium der Verteidigung Unterabteilungsleiter Plg I und Beauftragter FCAS

FCAS – ein Begriff, der sich mehr und mehr in den Sprachschatz der sicherheitspolitischen Community in Europa einprägt. In unserem Verständnis steht er für ein fliegendes System bemannter und unbemannter Komponenten (das sogenannte „Next Generation Weapon System“) und dessen Integration in ein – über fliegende Systeme hinausgehendes – vernetztes Gesamtsystem; eben das sogenannte Future Combat Air System (FCAS), das derzeit in französisch-deutsch-spanischer Kooperation zunehmend Gestalt annimmt. Allerdings – und damit beginnt bereits eine der Herausforderungen unserer derzeitigen Diskussion – ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch hinreichend ungenau beschrieben und lässt eine Menge Spielraum für Vorstellungen seiner technischen Ausgestaltung. Man muss nicht allzu tollkühn sein, um gerade angesichts immer schneller werdender technischer Innovationszyklen eine sicher noch viele Chancen und Risiken aufweisende Entwicklung vorherzusagen, deren unterschiedliche Ausprägungen zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht in Gänze erfassbar sind. Sie werden bis zur geplanten Indienststellung des Systems ab 2040 noch zusätzliche Facetten, ggf. auch geänderte Gewichtungen, erfahren.

Allerdings – und dies wird durch die hohe Dynamik der Innovationen sicher nicht einfacher werden – werden bereits heute berechtigterweise Fragen aufgeworfen, die über die reine technische Ausprägung des zukünftigen Systems hinausgehen und auch ethische, moralische und rechtliche Aspekte aufweisen.

Gerade Anwendungsformen Künstlicher Intelligenz (KI) eröffnen eine Vielfalt technischer Möglichkeiten, die wir gerade erst anfangen zu verstehen. Und natürlich ist das BMVg als einer der Auftraggeber des FCAS sehr daran interessiert, bei Einführung des Systems ab 2040 über das – dann – moderneste System auf dem letzten Stand der Technik zu verfügen. Und wir sind, basierend auf den jetzigen Vorstellungen, davon überzeugt, dass uns dabei die Anwendung von KI Chancen eröffnet, die zu einem besseren Schutz Nichtbeteiligter beitragen und das Leben eigener Soldatinnen und Soldaten besser schützen kann, aber auch Entscheidungen für eigenes Handeln reaktionsschneller, zeitnäher und auf wesentlich mehr Daten beruhend vorbereiten kann. Gerade für die Nutzbarmachung einer größeren Datenmenge/-vielfalt aus möglichst vielen unterschiedlichen Quellen und Sensoren sind die Anwendungsformen von KI von entscheidender Bedeutung. Die Nutzung einer Vielzahl unterschiedlicher Daten, deren sinnvolle Verknüpfung und Bewertung kann Handlungsempfehlungen auf allen militärischen Führungsebenen verfügbar machen, die sachgerechtere, umfassendere und klügere Entscheidungen ermöglichen. Die Verantwortung für die Entscheidung bleibt dabei unverändert beim Menschen, dem militärischen Führer.

Auch wenn es nach dieser Bemerkung überflüssig erscheinen mag, so möchte ich noch einmal nachdrücklich betonen, dass wir keine technische Auslegung akzeptieren werden, die einem System die Möglichkeit geben würde, einen anderen Menschen allein aufgrund der Berechnung eines Algorithmus töten zu lassen. Der Mensch wird der alleinig bestimmende Faktor bleiben und Entscheidungen in aller Konsequenz zu treffen haben!

Als Beauftragter des BMVg für das FCAS bin ich der Firma Airbus Defence and Space GmbH, als einem der deutschen Hauptauftragnehmer für das zukünftige System, und dem Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie sehr dankbar, dass sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt den über die sicherheitspolitische Community hinausgehenden breiten Diskurs aktiv aufgenommen und dabei das BMVg von vornherein mit in die Diskussion einbezogen haben. Dabei bringt das BMVg den eigenen Standpunkt gleichberechtigt zu allen Diskursteilnehmern in die Diskussion ein. Erwartungsfroh stimmt mich die Tatsache, dass bereits mit der ersten Veranstaltung im September 2019 ein breiter gesellschaftlicher Diskurs angestoßen werden konnte, bei dem bereits sehr viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen gewonnen werden konnten, die für eine hohe Diversität an Meinungen stehen.

Für mich handlungsleitend wird eine zielführende Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten im Rahmen des uns politisch gegebenen und zu verantwortenden Auftrags sein. Ich bin mir sicher, dass die parlamentarische Kontrolle, der wir nicht zuletzt dadurch ständig unterworfen sind, dass jeder größere finanzielle Schritt die vorherige Billigung der zuständigen Ausschüsse erfahren muss, sehr genau auch die Entwicklung der gesellschaftlichen Diskussion zu grundsätzlichen rechtlichen, ethischen und wertebezogenen Fragen verfolgen wird.

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass der begonnene Diskurs mit Vertretern möglichst aller gesellschaftlich relevanten Meinungsspektren noch ausgebaut werden kann und dabei nicht durch Vorbehalte oder Berührungsängste behindert wird. Der Anfang war auf jeden Fall vielversprechend!

Für uns kommt es darauf an, dass alle Stimmen zu Wort kommen, ernsthaft und gleichberechtigt diskutiert werden kann aber auch auf allen Seiten der Wille besteht, sich mit den Argumenten des Anderen auseinanderzusetzen. Dies kann dem Austausch bloßer Fakten und damit einer versachlichten Diskussion genauso dienlich sein, wie dem Schaffen von Verständnis oder auch dem Überdenken eigener Positionen – auf allen Seiten.

Von Seiten des BMVg sind wir zu all dem vorbehaltlos bereit und ich freue mich auf die weiteren Diskussionen.